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Morgen wird heute gestern gewesen sein

19.05.2016

Begegnungen der 4F mit dem Alter

Dass alte Menschen nicht so auf die Welt kamen, ist für junge fast unbegreiflich, denn diese sind in ihren Augen ganz oft irgendwas zwischen „So was von gestern“ und meistens peinlich.

Jung, vollbiologisch,dynamisch - das sollen wir sein und bleiben, denn 50 ist das neue Dreißig und mit einem gerüttelt Maß an Sport, biologisch-dynamischer Ernährung und ein bisserl gutem Willen bleiben wir einfach für immer jung. Und wenn uns das nicht mehr gelingt, entsorgen wir uns am besten selbst in irgendeine Residenz für Senioren, denn selbst das Wort „alt“ ist schon gestrig.

Dass die Alten was zu erzählen haben, das spannend ist, geht zwischen Facebook, Handy und anderen kommunikativen Segnungen unserer Zeit ganz oft verloren.

Prof. Konrad Thamm, ein ehemaliger Kollege, der das BRG Traun über Jahrzehnte mitgeprägt hat, verbrachte am 29.4.2016 zwei Stunden in der 4F und erzählte, wie es in der Nachkriegszeit war, 14 zu sein. Andere Voraussetzungen, andere Familienkonstellationen, andere Freizeitbeschäftigungen, andere Beziehungen zu Lehrenden und doch: dasselbe Suchen nach einem passenden Platz in der Gesellschaft, nach dem, was einem wichtig ist, nach Menschen, die einen durchs Leben begleiten und die Auseinandersetzung mit dem, was heute in Geschichtsbüchern steht…….

Am Nachmittag dieses Tages besuchten wir eine Sondervorstellung von Felix Mitterers „Besuchszeit“ in der Tribüne Linz. Menschen, die an Orten leben, an denen die einzige Aktivität ist, auf die Besuchszeit zu warten, die ein bisschen Leben zu ihnen bringt. Ansonsten Vergangenheit, unterbrochen durch eine mehr oder weniger gestresste Verwandte, deren Ziel es ist, den Besuch im Altersheim möglichst schnell von ihrer „To do-list“ zu streichen. Und da kann es dann schon sein, dass der alte Hund des alten Menschen eingeschläfert werden musste, weil er nicht mehr alleine bleiben kann. Das muss man doch verstehen. Von wegen praktisch und so…….

Am 12. Mai war dann der Hauptdarsteller dieses Stücks, Victor Eugen, zu Gast. Gelebtes Leben. Schauspieler, weil es sein musste. Zahllose Stücke, zahllose Engagements. Einkünfte? Man war bescheidener. Man brauchte nicht viel. Braucht es noch immer nicht. Auch wenn es jetzt da wäre. Disziplin? Er spielte auch mit Magendurchbruch. Auch nach einer Operation-hinter der Bühne zwei Sanitäter. Über die Jugend lasse er nichts kommen. Er sei ihr Fanclub. Sie sei wunderbar.

Am Abend des 12. Mai hatte Victor Eugen seine 10780. Vorstellung.

Nächste Premiere: Grillparzer: „Weh dem, der lügt“, Sept., Tribüne Linz

4F mit Ute Bauer und Beatrice Weiss